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Der gesunde Bezug zum eigenen Handwerk – Prinzipien kennen, anwenden können und brechen

Vollgeschmierte Whiteboard Tafeln und Moodboards sind für viele zum Inbegriff eines gelungenen Kick-Offs geworden. Es ist ein Zeichen dafür, dass etwas vorangegangen ist. Eine gemeinsame Vision ist entstanden. Solche Meetings benötigen kreativen Freiraum. Systeme und Prinzipien stören da doch nur, oder? Sie engen ein. Prinzipien klingen zwar wie Stimmungskiller, aber in Wahrheit sind sie dennoch allgegenwärtig und unumgänglich – und auch oft missverstanden. Sie werden verteufelt und verdrängt oder im Gegenteil sklavisch befolgt. Doch der richtige Bezug zu den tiefliegenden Prinzipien der eigenen Arbeit fehlt häufig. Ein Appell an alle Filmemacher.

Um die Bedeutung und die Arbeit mit den Prinzipien unseres Handwerks verstehen zu können, müssen wir zuerst definieren, was unter dem Begriff Prinzip zu verstehen ist. Prinzipien beschreiben tiefgehende, erprobte Funktionsweisen. Und sind daher extrem wichtig zum Meistern des eigenen Handwerks. Sind wir uns den grundlegenden Funktionsweisen unseres Handwerks nicht bewusst, wird es uns schwer fallen, den nächsten Imagefilm zu einem Erfolg werden zu lassen. Das macht es für den Filmemacher erforderlich, Prinzipien bewusst zu kennen, anwenden zu können und vor allem planvoll zu brechen. Hier ein Beispiel aus dem Bereich des Figurendesigns: 

Der Protagonist muss Empathie auslösen.

Dabei ist zu beachten, dass Empathie ungleich Sympathie ist. Es mag sich zwar im ersten Moment  richtig anfühlen, dass der Zuschauer den Protagonisten auch mögen sollte, doch in Wahrheit ist das irrelevant. Wichtig ist Empathie. Das bedeutet: Ich verstehe, warum die Hauptfigur so handelt, wie sie handelt. Denn dadurch erkenne ich mich. Diese Figur ist wie ich. Mit anderen Worten: Ich entdecke ein gemeinsames Menschsein.  Das liegt daran, dass wir unsere Entscheidungen in erster Linie emotional treffen, selten rational. Auch wenn wir sie oft rückwirkend rational rechtfertigen. Deswegen können wir eine Entscheidung gut verstehen, auch wenn sie letztendlich falsch oder unmoralisch ist. Die wichtige Funktion dieses Prinzips ist wie folgt: Durch das Erkennen eines gemeinsamen Menschseins mit dem Protagonisten schafft sich ein Band zwischen der Figur und den Zuschauern. Die Zuschauer hoffen nun, dass der Protagonist sein Ziel erreicht. Das Publikum ersetzt unbewusst das Ziel des Protagonisten mit ihrem eigenen Ziel. Sie ziehen eine Parallele. „Wenn der Protagonist sein Ziel im Leben erreicht, schaffe ich das vielleicht auch. Schließlich ist er ein Mensch wie ich.“ Wer dieses Prinzip verinnerlicht hat, wird seinen Figuren sehr wahrscheinlich deutlich mehr Wirkung beim Zuschauer verleihen.

Richtig mit Prinzipien umgehen

So weit sind die meisten Filmemacher. Egal ob Autoren, Regisseure oder Kameramänner, fast alle haben die für sie relevanten Prinzipien erkannt oder gelernt und können sie auch anwenden. Was aber nun vielen zum Verhängnis wird, ist der Bezug zu diesen Prinzipien. Die einen wollen Prinzipien verdrängen, da sie die Konzeption für die nächste Imagefilmproduktion auf den ersten Blick phantasielos werden lassen. Doch es gibt einen essenziellen Unterschied. Prinzipien sind wichtig, aber keine Regeln. Regeln bestimmen, wie etwas gemacht werden muss. An sie muss sich gehalten werden. Breche ich eine Regel, wird das üblicherweise schlechte Konsequenzen für mich haben. Nicht so, wenn ich ein Prinzip breche – mit klarer Vision entstehen so Meisterwerke. 

Als Beispiel lässt sich hier der Film „Scarface“ anführen. Das ebengenannte Prinzip des Figuren-Design wird hier absichtlich gebrochen, um eine enorme Wirkung zu erzielen. In „Scarface“ begleiten wir den unsympathischen Tony Montana bei seinem Aufstieg zum Gangsterkönig. Wir mögen ihn nicht besonders, aber wir verstehen, warum Tony tut, was er tut. Gegen Ende des Filmes nimmt aber sein tyrannisches Verhalten immer schlimmere Züge an, bis wir am Ende des Films froh sind, dass seine Feinde ihn zur Strecke bringen. Dass Tony Montana in uns am Ende des Films keine Empathie auslöst, ist wichtig. Der Film will uns zeigen, wie und warum ein Mensch zu einem Monster werden kann. Wenn wir am Ende des Films noch Empathie für Tony empfinden würden, wären wir schlussendlich enttäuscht, dass er von seinen Feinden zerstört wurde. Doch es ist uns egal. Wir befürworten es sogar. Bis zu einem gewissen Punkt verstanden wir, warum Tony so handelte, wie er handelte. Aber irgendwann wurde sein Verhalten unverständlich brutal und zynisch. Wir wissen somit, wie und warum Tony zu einem Monster wurde, aber es herrscht kein Band mehr zwischen dem Publikum und dem Protagonisten. Darin erkennen wir Tonys enorme Bösartigkeit und Grausamkeit erst richtig. Wäre hier nicht ein wichtiges Prinzip des Figuren-Designs gebrochen worden, hätte der Film an Bedeutung eingebüßt. Prinzipien sind für einen Meister keine Grenzen, sondern beschreiben eine wandelbare Form.

Tony Montana ist zwar unsympathisch, aber löst dennoch Empathie in uns aus. Bis er am Ende auf dem Weg in seinen Untergang auch diese einbüßt.

Es gibt also drei verschiedene Arten von Filmemachern, die mit Prinzipien arbeiten. Zuerst jene, die Prinzipien als einengend und unnötig empfinden. Dann jene, die zwanghaft versuchen ihre ganze Arbeit diesen Prinzipien zu unterwerfen. Aber sollten wir so einen toxischen Bezug zu unserem eigenen Handwerk haben? Es gibt schließlich auch jene, die bei ihrer Arbeit Prinzipien einsetzen oder brechen – je nachdem, welche Wirkung und Bedeutung sie hervorrufen wollen. Ihre Werke sind unkonventionell, aber zeitlos. Und werden zu Klassikern.

Um nun das richtige Maß zwischen Anwenden und Brechen von Prinzipien zu finden, helfen Meetings, in denen dann auch der nächste Werbefilm gemeinsam konzeptioniert wird. In einem solchen Meeting wird mit Prinzipien gearbeitet, aber auch Raum für neue Ideen gelassen, die auf den ersten Blick wahnsinnig erscheinen. Oft sind diese auf den Zweiten wahnsinnig gut. Mit gewissen Prinzipien wird zwar die Kreativität beschränkt, aber nicht eingeengt. Mit dem richtigen Umgang von Prinzipien erschaffen wir uns in Wirklichkeit Freiraum. Oder um ein legendäres Gandalfzitat zu entfremden: „Du musst nur entscheiden, was du mit den Prinzipien anfangen willst, die dir gegeben sind.“ 

Jedes Projekt ist anders und einzigartig. Die Message eines Corporate Films ist oft vielschichtig und tiefgehend. Prinzipien in die Welt der Spielfilme zu verbannen ist schon der erste falsche Schritt. Video-Marketing ist Film. Und Film ist das Leben. Prinzipien sind kleine Regelmäßigkeiten des Lebens, die die Menschheit durch Generationen herausgefunden hat. Aber sie sind nicht vollendet und komplett verstanden – wie das Leben selbst. Wenn wir es schaffen einen wertschätzenden, aber kritischen Bezug zu Prinzipien zu haben, können wir unsere Image- und Werbefilme auf ein neues Niveau heben. 

Quellen:

Tony Montana Close: https://www.zdf.de/assets/scarface-102~2400×1350?cb=1578304859235

Tony thront: https://de.web.img3.acsta.net/r_1280_720/pictures/210/485/21048564_2013101018125512.jpg

Tonys letztes Gefecht: https://images.maennersache.de/scarface-al-pacino,id=c6847718,b=maennersache,w=1100,rm=sk.jpeg

Front Bild: https://p4.wallpaperbetter.com/wallpaper/447/144/940/gun-black-and-white-al-pacino-scarface-wallpaper-7970286d51ca8d8ba6b7787ff051166d.jpg

 
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